AUSZÜGE AUS BAND 2

(Herbstblätter, Der Ring)



Frühling und Herbst: Pole in Daseins Raum —
Ins Alter hat das Schicksal mich gelenkt.
Müde und selbstlos ist des Lebens Baum —
Herbstblätter sind wie Gold, das sich verschenkt.
Seid nicht betrübt, wenn Lebens Sommer scheidet —
O Friede, der die Seel mit Gold bekleidet!




Des Heiles Wege, seine Worte —
Ihr Sinnbild sind des Raumes Orte.
Der Osten zeigt des Geistes Kraft;
Der Westen, unsrer Seele Frieden.
Der Norden strahlt die Reinheit aus;
Des Herzens Glaube glüht im Süden.
Der Himmel, mit der Bäume Kronen,
Zeiget der Wahrheit Sonnenschein;
Die Erde, wo die Wurzeln wohnen,
Ist Sinnbild für das tiefe Sein.
Gott hat in Bildern sich gedacht
Und hat daraus die Welt gemacht.




Sphärenmusik — die Zahl, die Harmonie:
Pythagoras sah sie in Einem Bilde.
So ist der Geist, so ist die Welt gemacht:
Der Logik Strenge, des Gemütes Milde.
Das Denken will das Seiende umschreiben,
Und die Musik erweckt das Wunderbare.
Verstandesdenken ist wie Rechnen, Zählen;
Musik ist wie die Einfühlung ins Wahre.




Waldsee, dann Rothenburg und Dinkelsbühl;
Altstädte, die an ferne Heimat mahnen —
An Märchenbücher, seelenvolle Lieder;
In alten Gassen lebt die Seel der Ahnen.
Wo ist die Heimat? Wo ich Gott erlebte —
Da wo mein Herz in seinem Licht erbebte.




Du möchtest wie ein Adler aufwärts fliegen
Zum Licht der Wahrheit, das die Seel befreit;
Wundre dich nicht: da ist die Erdenmacht
Die dir dein Aufwärtssteigen nicht verzeiht.
Sie sucht dir die Befreiung zu behindern
Mit allen Mitteln, großen und auch kleinen;
Kümmre dich nicht! Tu immer, was du kannst —
Gott wird die Seele mit dem Licht vereinen.




Ursein, Sein, Dasein — Wurzel, Krone, Zweige;
Ursein ist unpersönlich, Sein persönlich,
Und Dasein vielpersönlich. Ursein ist
Unendlich fern; Sein ist nah, ist versöhnlich.
Und Dasein ist das, was wir sind: zerspalten
In abertausend Wesen, die sich lieben
Und hassen. Manche hier, und mehr noch drüben,
Bei Gott — erneute, himmlische Gestalten.
Ursein: Allmöglichkeit; Sein: Schöpferkraft;
Dasein: die Schöpfung, die das Leben schafft.




Es kam ein Barde, der von Liebe sang;
Er blieb an meines Hauses Türe stehen.
Er sang ein Lied, das mir ins Herze drang —
Die Winde hörten auf zu wehen.
So ist es, wenn die Liebe Gottes kommt
Und unsrer Seele Türe öffnen will,
Mit einer Gnade, die dem Herzen frommt —
Des Welttrugs Winde stehen still.




Alles, was ist — so heißt es — lobt den Herrn.
Schon unser bloßes Dasein ist gewaltig,
Ein wahres Wunder; so der Dinge Werte
Und Mächte. Und die Welt ist vielgestaltig
Weil Gott unendlich ist. Ihr habt die Wahl
Zwischen dem Nichts und Gott. Und dieses sehen,
Ist mehr als Denken; es ist lichtes Sein
In eurem Herzen — es ist Auferstehen.