AUSZÜGE AUS BAND 3

(Lieder ohne Namen I, II, III)



Da ist ein Fluss, er heißt die Seel —
Warum steigst du hinein?
Du kannst weit glücklicher, o Geist,
An seinem Ufer sein.

Schau auf den Baum, der zeitlos steht
An dieses Fließens Rand:
Der Fluß eilt fort, weiß nicht wohin —
Der Baum steht fest im Land.




Zwei Seelen muss der Avatâra haben:
Eine für alle, eine für den Geist
Der Weisen. Eine, die die Welt bekehrt,
Die andre, die den Weg nach Innen weist —

Und so das unbegrenzte Eine lehrt.




Dichtung, Musik und Tanz — dies sind die Künste
Die weltlich oder geistig können sein:
Den Weltlichen ziehn sie zum Weltgenießen,
Dem Geistigen gehn sie ins Herz hinein.

Gedicht ist wie Musik, doch fasst auch Denken
In sich; Musik berauscht der Seele Sein;
Im Tanze wird Musik des Leibes Leben,
In Form verwandelt — Bild gewordner Wein.



Ihr fragt nach dem Beweis des Höchsten Wesens,
Und dann des Himmels; oft hab ich gesagt
Dass das Kriterium im Bewusstsein liegt —
Denn der Beweis ist grade, dass ihr fragt.




Geschlecht — im Abendlande Bild der Sünde,
Verschleiert, weil es Adams Schande zeigt;
In Indien oftmals unbedeckt, verehrt —
Götter, vor denen sich der Glaube neigt:
Purusha und Prakriti — Mann und Weib;
So hat sich Brahmâs Schöpfungsstrahl verzweigt.

Irdisches Zwielicht, Elend — doch zugleich:
Himmlisches Urbild in des Geistes Reich.



Du zögerst vor der höchsten Wahrheit Schwert —
Du wähnst, die Weisheit könnt dein Sein dir stehlen,
Der du nicht bist. Was kommen soll, das kommt —
Und es ist Gott. In Ihm kann dir nichts fehlen.




Einsamkeit ist des Weisen Los, weil er
Nicht wie die Andern ist. Jedoch sein Ich
Ist weiter, reicher als so manche Seel;
Der Weise trägt die ganze Welt in sich.

Irgendwie hat er alles miterlebt
Was ihm in Wirklichkeit nicht Schicksal war.
Der Dinge Wesen liegt in seinem Blut —
Urbild ist er in der Geschöpfe Schar.




Die Religion — einerseits ist sie Gott,
Man möchte sie mit Lieb und Furcht bekränzen;
Doch andrerseits ist Religion ein Mensch —
Mit seiner Ichheit und mit seinen Grenzen.

Die nackte Wahrheit ist unendlich teuer;
Verborgen ist sie hinter Mâyâs Schleier —
So Gott will, wird sie unverschleiert glänzen.




Die falsche Wissenschaft ist uferlos,
Weil sie den reinen Geist nicht kennen will.
Würd sie ihn kennen, wüsste sie zugleich:
Nur Gott ist der Erkenntnis letztes Ziel.




In Gottes Wesen blüht ein stilles Licht
Im Kreise ungeahnter Herrlichkeiten.
Dies Leuchten — doch die Seele weiß es nicht —
Bist du, vor und nach allen Erdenzeiten.




Des ganzen Veda ungeheurer Strom
Ist in der Einen heilgen Silbe Om.
Sprich Om, sagt Shánkara — was willst du mehr?
Im kleinsten Wassertropfen ist das Meer.




Jugendzeit — schon fern, vorbei —
Wie ein Bilderbuch geschlossen.
Alle Freuden, alles Leid
Sind im Gestrigen zerflossen.

Alterszeit — du nennst es Zeit,
Ist sie doch ein stiller Garten;
Duftend von der Ewigkeit —
Eine Rückschau, ein Erwarten,

Und ein Stehn in Dem, was war,
Ist, und sein wird — immerdar.