AUSZÜGE AUS BAND 5  (Lieder ohne Namen VI, VII)


Blumen am Boden, Sterne hoch am Himmel —
Blumen leuchten bei Tag, bei Nacht die Sterne;
Blumen verblühn, Sterne sind unvergänglich,
Menschlich gesehn — und strahlen aus der Ferne.

Der Geist, die Seele — Lieder in der Zeit;
Darüber Schweigen — Sang der Ewigkeit.



  Zwei Seiten hat die Einheit: Einzigkeit
Im grenzenlosen Raum der Möglichkeit;
Dann Einung, Selbigkeit — das tiefste Innen,
Wo Möglichkeiten in das Eins zerrinnen.


Im Reinen Sein war eine Möglichkeit,
Die sprach: Gib mir das Dasein in der Zeit.
Das Dasein ward erfüllt, da war mein Ich;
Ich sprach: Du bist mein Gott, nun führe mich.
Gott sprach zu mir: du bist mein Ebenbild,
Und du bist frei; zum Wege sei gewillt —
Zum Weg zu Mir; dies ist des Daseins Sinn.
Ich sah, dass ich der Gottheit Spiegel bin.

Ursein, Sein, Dasein, Ich — dem Höchsten zu;
Zum Herzensgrund jenseits von Ich und Du.



  Es kommt mir immer wieder in den Sinn
Wie Tiruválluvar den Tempel schaute,
Von fern; als Paria durft er nicht hinein —
Er hört des Gottesdienstes ferne Laute.

Das kleinste Zeichen, das an Gott uns mahnt,
Ist ungleich mehr, als was die Seele ahnt.


Die schönsten Dinge, die der Höchste schuf,
Sind die Natur, die Dichtung, die Musik,
Das Weib; dann auch das Heiligtum, der Ort —
Von Menschenhand — wo blüht des Geistes Glück.

Musik, Dichtung und Weib — nach Platos Lehren
Das Edelste, was du kannst sehn und hören;
Halb Erde und halb Himmelswelt. Das Weib:
Der Seligkeiten gottgeschaffner Leib.



  So wie ein Mühlrad sich am Tage dreht
Und nach getaner Arbeit stille steht,
So ist es mit dem Spiele der Gedanken —
Schweig still zur rechten Zeit, um Gott zu danken.


Ich nehme meine Zuflucht zu Gott
Vor der Welt und vor der Seel;
Denn was ich sollt, ich kann’s nicht sein —
Nur das Selbst ist ohne Fehl.

Gott sagte gleichsam, als Er uns,
Die Erdenmenschen, schuf:
Seid, was ihr seid; denn was Ich will
Ist hören euren Ruf.

Zweierlei muss der Mensch gleichzeitig sein:
Im Geiste groß, im Erdenspiele klein.



 

Tantrischer Tanz: ihr wähnt, er sei nur sinnlich-irdisch,
Nicht geistig-himmlisch; beides jedoch ist verwoben.
Die nackten Tänzerinnen danken ihrem Gott —
Und so die Zeugen, die des Schönen Schöpfer loben
Beim Schauen dieser gottgeschaffnen Pracht.

Verinnerlichend ist der Schönheit Macht.



Was ist der Mensch? Zuerst: er ist das Wissen:
Des Geistes Licht hat Mâyâs Trug zerrissen.

Sodann: des Menschen Wesen ist die Tat —
Wohl dem, der Gottes Wort gefunden hat.

Und dann: des Menschen Wesen ist der Glaube —
Die Seele keltert der Erlösung Traube.

Schlussendlich möchte ich die Selbstheit nennen:
Im Herzen soll der Mensch das Sein erkennen.



  Die Wahrheit und die Schönheit gehn zusammen:
Was göttlich wahr ist, strahlet Schönheit aus;
Das Schöne, Edle, ist der Wahrheit Zeuge;
Das Heilige ist Gottes Blumenstrauß.

Der Tor nur sieht nichts Schönes in der Lehre,
Und gibt der Schönheit nicht der Weisheit Ehre.
Man könnt der Schönheit Rechte übertreiben —
Man soll sie nicht als hohlen Trug beschreiben.


Wie kannst du Kleinlichkeiten ganz vermeiden
In einer Welt, die dich zum Kleinen zwingt?
Sieh zu, dass du im Kleinkram wacker bleibst,
Bis dir der Allerhöchste Bessres bringt —

Bis Er dich dran erinnert, dass die Größe
Des Gottbewusstseins, das im Herzen klingt,
Dich freispricht von des Alltagsrummels Blöße.



  Ich bin die große Stille nach dem Tosen,
Nach Weltmeers wildbewegter Melodie —
Sprich: Friede, Friede; Herz, du bist das Selbst —

Om, Shânti, Shânti; Aham Brahmâsmi.


Jenseits von Gut und Schlecht sei Gottes Geist —
In Ihm sei nicht das Gute, nicht das Schlechte.
Nicht so. Wohl ist Gott ohne Widerspruch;
Doch dies bedeutet: Er ist alles Rechte.

Ja ist nicht bloßer Gegensatz des Nein —
Ja ist an sich, es ist das Reine Sein.



  Kunstschönheit ist eine kosmische Macht,
Die gar oft hat den Himmel zur Erde gebracht.
Der Mensch, der ihr dient, mag wohl ungeistig sein —
Für Andere fließt der verinnernde Wein.
Ich denk hier vor allem an die Musik —
Sie bringt Weise zum eigenen Herzen zurück.


Sagst du „Gewissheit“, denkst du an die Tiefe
In deiner Brust; sagst du „Erhabenheit“,
Denkst du an Himmelsweite in der Stirne —
An Schweigen, Schweben im Gebiet der Firne.

Das Unbedingte; die Unendlichkeit.



  Es grüßt der helle Tag — strahlende Sonne,
Wandernde Wolken, dann die Erdendinge
In Ruhe und Bewegung — auf der Klinge
Der Möglichkeit.
                        Dann kommt die stille Nacht:
Unendlichkeit mit ungezählten Sternen
Im schwarzen Raum, in Gottes tiefsten Fernen.

Heilige Nacht, die auf den Tag sich legt —
Schweigen des Herzens, so die Andacht hegt.


Er ist der Jagadguru bei den Indern;
Er ist der Qutb — der Pol — bei den Moslemen.
Gar mancher Sucher möchte seinen Weg
Zu diesem Meister aller Meister nehmen.
Sein hohes Wort ist himmlischer Natur;
In mancher Lehre leuchtet seine Spur.

Wo er wohl wohnt, der Weise aller Welt?
Er wohnt im Geiste, den der Herr gewählt.



  O beata Solitudo, o sola Beatitudo —
Spricht Sankt Bernhard. Man kann sagen,
So man diesen Tausch darf wagen:
O beata Certitudo, o certa Beatitudo!


Sie denken, diese Welt sei voller Süße,
Dieweil der Weise in Entsagung stöhnt
Und Finsternis; da würd man nimmer finden
Das goldne Paradies, das man ersehnt.
Was Geistes Nacht ist, sieht der Weltmensch nicht —
Dass Laylâ tanzt in einem Kranz aus Licht.

Das tiefste Herz enthält den heilgen Schrein,
Die nackte Göttin, und die Schale Wein.