AUSZÜGE AUS BAND 6 (Lieder ohne Namen VIII, IX, X)


Die Sonne — Himmelsbild aus Gold und Licht,
Zeichen des Seins, das alle Welt beherrscht;
Und dann der stille Mond, ein Silberschild —
Jedoch ein eignes Leuchten hat er nicht.

So ist er wie das Dasein, dess Gesicht
Nur weitergeben kann, was einzig gilt
Und als das Einzige das Nichts durchbricht.



  Askese reinigt, und so Gangeswasser —
Jedoch: nichts reinigt so wie das Erkennen,
Sagen die Weisen. Denn nichts kann so klar
Vom Wahren zeugen und den Trug verbrennen.


Die Lorelei, die hoch auf dem Gipfel sang;
Ein Märchen, das seit der Urzeit erklang.
Wer nach ihr schaute, dem war’s zum Verderben —
Er musst in den Wogen des Rheines sterben.

Blutzeuge ist — so der Islam spricht —
Der Mensch, dessen Herz aus Liebe bricht;
Wer sterben muss an Liebesleid —
Der Allerbarmer verwirft ihn nicht.

Wohl dem, der den Tod des Geistes stirbt
Und das Leben der Ewigkeit erwirbt.
Es geht nicht an, dass die Weisheit verzage —
Das Gottesgedenken kennt keine Klage.

„Selig, die da Leid tragen auf Erden —
Denn sie sollen getröstet werden.“



  Jegliche Tugend ist ein schönes Weib,
Und so jegliche Wahrheit aus der Tiefe;
Wer nicht die Wahrheit, nicht die Tugend liebt,
Ist wie ein Mensch, der in der Sonne schliefe.

Das Wahre und das Gute lieben, heißt:
Sie miterleben und ihr Licht entzünden;
In ihnen seine eigne Seel erwecken —
Durch sie den Weg zum Gott der Liebe finden.


Die Religion — sie will zu allen reden;
Der Vorteil der Gesellschaft ist ihr alles,
So wie das Seelenheil auch des Geringsten;
Sie rettet aus der Not des Sündenfalles.

Die Metaphysik schaut der Dinge Wesen,
Ohne dem Formentum zu widerstehen;
Denkt nicht, auch sie sei Dogma und Moral —
Sie kann weit mehr als Glaubensformeln sehen.



  Der Pater Julien Aymard wollte stets
Die heilige Monstranz betrachten; dies
Ward ihm gegeben, und es war sein Weg,
Hienieden in der Welt sein Paradies —
So wie der Paria Tiruvalluvar
Von ferne wollt das Dach des Tempels schauen.

Denn es gibt Heilge, deren Gnad es ist,
Aus Außendingen, die vom Innern zeugen,
Sich einen Weg zum Paradies zu bauen.


Das Weib ist nicht erschaffen, Mann zu sein;
Weil sie’s nicht sein soll, hat sie Gott erzeugt.
Und doch sind die Geschlechter nicht bloß Zwei —
Sie sind Ein Wesen, das vor Gott sich beugt.
Der Mann hat seine Sendung: Kampf dem Drachen;
Das Weib die ihre: Andre glücklich machen.



  Âtmâ und Mâyâ und Jîvâtmâ sind
Die Urbegriffe, die die Weisheit bauen:
Die Wirklichkeit; der Anschein; das Bewusstsein,
Mit dem die Menschen auf das Wahre schauen.
Bewusstsein, Geist: aus Wirklichkeit und Schein
Gemacht. Alles ist Âtmâ, Reines Sein.


Bedingungslos sei die Ergebenheit,
Und so die Zuversicht. Die Gegenwart
Des Herrn bringt Trost; du weißt, dass letzten Ends
Das Höchste Gut in Frieden deiner harrt.



  Der Seelenstoff des wohlgeratnen Menschen
Ist nie gespalten, er hat Pole nur;
Doch die verirrte oder kranke Seele
Ist wirrer, widersprüchlicher Natur —
Ist zweimal Ich, auf gleicher Ichheit Spur.
Sei eins mit rechter Gegenseitigkeit;
Nicht zwei ohn Mitte — ohne Selbigkeit.


Freiheit — der Schöpfer hat sie uns gegeben
Um uns zu Sich, über das Tier zu heben.
Nicht dass wir tierisch sein und sie missbrauchen
Und dadurch tief unter dem Tiere leben.

Frei sein: nicht in der Tiere blindem Wollen,
Sondern in dem, was wir als Menschen sollen —
Nämlich zu unserm Urgehalte streben.



  Pythagoras und Abraham: Urväter —
Der Eine, der der Weisheit Licht entfachte;
Der Andre, der Gesetz und Beten lehrte —
Dem Menschenherzen seinen Glauben brachte.

Wenn ihr in der Geschichte Spiegel schaut:
Die Griechen, die Semiten, hier und dort —
Ein jeder brachte seines Geistes Wort;
Sie beide haben unsre Welt gebaut.


Erhabenheit, Gewissheit, sind die Pole
Zu unsres Geistes Glück, zu unserm Wohle.
Erhabenheit ist Schweben in der Höhe;
Gewissheit ist tief Wurzeln, wo ich stehe.
So ist des Geistes Baum: Hochflug im Frein —
Und in des Herzens Grund, des Wahren Sein.